„Es sind Menschen, die auf allen möglichen Wegen viel geleistet haben“

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Buchbesprechung: "Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau" von Elvira Weisenburger
Montag, 18. November 2013 - 23:56

 

Persönlichkeiten

 


Vor kurzem ist das Buch „Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau“ erschienen. BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger, 2007 ausgezeichnet mit dem Wissenschafts- und Journalistenpreis „Hauptsache Biologie“, überließ dankenswerterweise ihre bei den Badischen Neuesten Nachrichten (Ausgabe 26.10.13, Seite 10, Südwestecho) publizierte Buchbesprechung bruchsal.org zur Veröffentlichung.

 

 

Aus dem Juden Manfred wird der Spaceshuttle-Konstrukteur Fred

Das Buch „Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau“ vereinigt viele interessante Biografien – auch die des Fastnachters Otto Oppenheimer

Weltweit ist das Spaceshuttle ein Begriff - doch wer kennt den Namen des Ingenieurs Fred Raymes, der die Raumfähre maßgeblich entwickelte? Julius Bär hat es da einfacher, im Gedächtnis zu bleiben: Er benannte sein Züricher Bankhaus, das heute noch zu den wichtigsten Schweizer Privatbanken gehört, einfach nach sich selbst. Otto Oppenheimer hat sich als Fastnachter und als Dichter der Bruchsaler „Nationalhymne“ unvergessen gemacht - zumindest in der Region: Sein Lied „Der Brusler Dorscht“ wird heute noch bei jeder Gelegenheit geschmettert.

Was all diese Männer verbindet? Sie alle stammten aus dem Kraichgau und waren Juden. Ihre Lebensgeschichten bewahrt ein neu erschienenes Buch vor dem Vergessen: „Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau“.

Der Band vereint Kurzbiografien von rund 60 Menschen mit sehr unterschiedlichen Leidenschaften und Schicksalen: Fabrikanten, Künstler, begnadete Juristen, Banker, die ersten jüdischen Politiker, Ingenieure, Ärzte. „Es sind Menschen, die auf allen möglichen Wegen viel geleistet haben“, sagt Bernd Röcker, Mitherausgeber und einer der 36 Autoren des Buches. Er betont: „Die Industrialisierung im Kraichgau ist im Wesentlichen von Juden auf den Weg gebracht worden.“

Lämle

Im Namen "MALAG" steckt der Name des Firmengründers Machal Aaron Lämle. Foto: Peter Bahn

Von pfiffigen Geschäftsleuten wie Machul Aaron Lämle zum Beispiel: Der Brettener Metzgersohn - geboren 1819 - zieht schon als junger Mann einen florierenden Handel mit Öfen und Herden auf, später baut seine Familie die MALAG-Herdfabrik auf. Sie war zeitweise einer der größten Arbeitgeber der Region und produzierte bis in die 1980er Jahre.

Wohlhabender Textilhändler war der Bruchsaler Otto Oppenheimer (1875 bis 1951). Er scheint der Inbegriff des assimilierten Juden zu sein, ja, ein richtiger Vereinsmensch: Vorstand im Schachclub, begeisterter Fastnachter. Im Ersten Weltkrieg dient Oppenheimer als Soldat, dekoriert mit dem Preußischen Verdienstkreuz. Später wird er in den Beirat der Bruchsaler Strafanstalten berufen. Er ist gesellig, hat Humor, er schreibt und dichtet gerne. Nicht nur für seine Hymne vom „Brusler Dorscht“ ist Oppenheimer bekannt, sondern auch für seine „launigen“ Verse zu vielen Feiern. Dass diese fröhliche Welt bald in Trümmern liegen könnte, scheint er bald nach Hitlers Machtergreifung zu begreifen.

Oppenheimer

Der erste Fronturlaub. Otto und Emma Oppenheimer mit den Töchtern Suse und Annie. Foto: privat

Mein Kampf lässt zeitig schon erkennen,/ dass Krieg sie ,Kraft durch Freude' nennen./ Wenn jemand glaubt, das wäre Stuss,/ er bloß den Stürmer lesen muss“, so schreibt Oppenheimer in einem Gedicht, das Autor Rolf Schmitt im Kraichgau-Buch zitiert - es sei wohl im Jahre 1934 entstanden.

Viele Demütigungen folgen - und der Boykott gegen seine Firma. Im Oktober 1938 gibt Oppenheimer auf, zieht nach Baden-Baden. „Meine Frau und ich waren naiv genug zu glauben, wir könnten dort ungestört und zurückgezogen leben“, schreibt er im Rückblick. Doch nach einem Monat holt ihn die brutale Realität ein: Während der November-Pogrome wird er mit rund 100 anderen Juden in die Synagoge getrieben und gedemütigt, danach zünden die Nazis den Bau an. „An jenem Tag bin ich zehn Jahre älter geworden“, schreibt Oppenheimer später. Er und seine Frau können der Mordmaschinerie entkommen - zuerst zu den Kindern in die Schweiz, 1941 dann nach New York. Dort leben die Oppenheimers bis zu ihrem Tod - in einer schlichten Wohnung.

In New York stirbt 1969 auch der Emigrant Hermann Hecht - ein Gondelsheimer Jude, der gemeinsam mit seinem Bruder Jacob die bedeutende Rhenania-Schifffahrtsgesellschaft groß machte. Ihre Lebensgeschichte findet sich in dem neuen Buch ebenso wie jene des viel früher geborenen Sigmund Odenheimer: Er nutzt die neuen Freizügigkeitsrechte der Juden, wandert freiwillig nach Amerika aus. Ab den 1880er Jahren wird er in der Baumwoll-Branche reich. Dem Zoo von New Orleans spendiert er eine Seelöwen-Anlage - und benennt sie nach seinem Heimatort: „Odenheimer Sea Lion Pool“.

Odenheimer

Einfahrt zum Anwesen "Odenheimer" in New Orleans. Foto: verlag regionalkultur

Nur wenige Kindheitsjahre verbrachte Spaceshuttle-Konstrukteur Fred Raymes im Kraichgau: Als Manfred Mayer kommt er 1929 in Hoffenheim zur Welt. Seine Familie wird 1940 ins berüchtigte Lager Guts deportiert. Dort bietet sich die Chance, Manfred und seinen neunjährigen Bruder Heinz bei einer geheimen französischen Hilfsorganisation unterzubringen. Schweren Herzens geben die Eltern ihre Söhne her, um sie zu retten. „Ich erinnere mich an Vater, der neben dem Laster stand - er schluchzte, als er mir das Versprechen abnahm, mich um meinen jüngeren Bruder zu kümmern“, erinnert sich Manfred später. Ein Brief der Mutter an ihre „geliebten Kinder“ von 1941 ist im Buch abgedruckt. Beide Eltern werden in Auschwitz ermordet. Die verwaisten Jungen müssen sich letztlich getrennt durchschlagen, doch sie überleben.

Menachem

Patent von Fred Raymes aus dem Jahre 1971.

 

Heinz wandert nach Israel aus, nennt sich nun Menachem Mayer, wird Erziehungswissenschaftler. Manfred wird in den USA zum Raumfahrtingenieur Fred Raymes. Die herzzerreißende (Über-)Lebensgeschichte der Brüder und ihr Wiedersehen in Hoffenheim wird 2007 von einem israelischen Team verfilmt („Menachem & Fred“). In dem neuen Biographien-Band ist sie nun neu für die Nachwelt gesichert. Fred starb im Sommer 2013.

 

© Elvira Weisenburger

 

 

Michael Heitz/Bernd Röcker (Hrsg.): Jüdische Persönlichkeiten im Kraichgau, verlag regionalkultur 2013, 320 Seiten mit 191 teilweise farbigen Abbildungen. 22,80 Euro.

 

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Liste der im Buch vorgestellten Persönlichkeiten

Julius Bär: Bankier (Heidelsheim)

Jacob Barth: Orientalist (Flehingen)

Ludwig Basnizki: Professor, Pädagoge, Forscher, Publizist (Odenheim)

Max (Meïr) Bravmann: Sprachwissenschaftler (Eppingen)

Salomon Carlebach: Rabbiner (Heidelsheim)

Alois Dessauer: Hofbankier und Fabrikant (Gochsheim)

Jonas Eisinger: Vorbeter, Lehrer, Ratsschreiber (Stebbach)

Moritz Eppinger: Rechtsanwalt (Eppingen)

Josef Eschelbacher: Bezirksrabbiner und Autor (Bruchsal)

Werner L. Frank: Informatiker und Genealoge (Eppingen)

Karl Freund: Kunstwissenschaftler und Museumskustos (Odenheim, Nußloch)

Ernst Fuchs: Rechtsanwalt und Begründer der Freirechtsschule (Weingarten)

Clara Geissmar: Hausfrau und Autorin einer Autobiographie (Eppingen)

Die Familien Grötzinger: Fabrikanten (Siegelsbach)

Ferdinand Gumbel: Fabrikant (Sinsheim)

Elise Gutmann: Jüdische Sozialarbeit (Jöhlingen)

Dr. Georg Hamburger: Mediziner (Neckarbischofsheim)

Wilhelm Hanauer: Arzt, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, (Richen)

Hermann und Jacob Hecht: Fabrikanten (Gondelsheim)

David L. Heinsheimer: Kaufmann, Bankier, Politiker, Landwirt (Eppingen)

Maximilian Heinsheimer: Richter, Autor, Kommunalpolitiker (Bretten)

Eugen Herbst: Unternehmer und Kommunalpolitiker (Bad Rappenau)

Prof. Dr. Fritz Hirsch: Architekt, Bauhistoriker, Denkmalpfleger (Bruchsal)

Familie Hochherr: Fabrikanten (Berwangen, Massenbachhausen, Eppingen, Walldorf)

Bernhard Kahn: Industrieller, Bankier und Stadtrat (Stebbach)

Leo Kahn: Maler (Bruchsal)

Michael Kahn: Bettfedernfabrikant (Stebbach)

Naphtali Hirsch Katzenellenbogen: Oberrabbiner (Leimen)

Alfred Kirchhausen: Fabrikant (Schluchtern)

Die Familie Koppel: Pferde- und Viehgroßhändler (Bretten)

Rudolf Kusel: Rechtsanwalt und Politiker (Bruchsal)

Machul Aaron Lämle: Fabrikant (Bretten)

Pauline Maier: Krankenschwester (Baiertal)

Die Eheleute Manis und Sprinz: Vorsteher und Mäzene (Nußloch)

Ludwig Marum: Politiker (Bruchsal)

Ludwig Marx: Lehrer und Dichter (Bruchsal)

Fred Raymes (Manfred Mayer): Luft- und Raumfahrtingenieur (Hoffenheim)

Dr. Menachem (Heinz) Mayer: Erziehungswissenschaftler (Hoffenheim)

Philipp Meerapfel: Unternehmer und Politiker (Untergrombach)

Die Familien Neumann und Östreicher: Zigarrenfabrikanten (Mingolsheim)

Sigmund Odenheimer: Baumwollmagnat und Mäzen (Odenheim)

Otto Oppenheimer: Kaufmann und Liederdichter (Bruchsal)

Zacharias Oppenheimer: Fabrikant (Michelfeld)

Prof. Dr. Zacharias Hugo Oppenheimer: Mediziner und Großherz. Bad. Hofrat (Michelfeld)

Albert Otten (Albert Ottenheimer): Unternehmer und Kunstsammler (Bonfeld)

Leopold Regensburger: Rechtsanwalt (Eppingen)

Hugo (Hermann) Richheimer: Unternehmer (Gemmingen)

Selma Rosenfeld: Professorin und Pädagogin (Eppingen)

Ruth Schwob: Künstlerin (Neckarbischofsheim)

Das Haus Seligmann: Unternehmer und Bankiers (Leimen)

Hillel (Chillel) Sondheimer: Bezirksrabbiner, Politiker und Autor (Eppingen)

Dr. Alexander Stein: Rabbiner zu Worms (Grombach)

Mayer Sulzberger: Richter (Heidelsheim)

Salomon Sulzberger: Honoratior (Odenheim)

Dr. h. c. Hermann Weil: Unternehmer und Stifter (Steinsfurt)

Dr. Julius Weil: Gerontologe (Steinsfurt)

Herb Weingartner (Herbert J. Weingärtner): Neurowissenschaftler (Flehingen)

Gustav Wolf: Künstler (Östringen)

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