Der GURS- Schild Bruchsal

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Der GURS- Schild in Bruchsal - ein Mahnmal der Erinnerung und Schande

Keine zwei Jahre lang war dieser Hinweisschild der auf das tragische Schicksal der Bruchsaler Juden hinwies, in der Prinz- Wilhelm- Straße 3 angebracht gewesen sein, als er von unbekannter Hand heimlich mit erheblicher Brachialgewalt entfernt wurde.

Die Erbengemeinschaft des Anwesens vom ehem. „Bürgerhof Bruchsal“, wo während der NS-Zeit die Bruchsaler Nazis ihre Kundgebungen durchführten, hatten von sich aus die Errichtung dieser Hinweistafel veranlasst und die Kosten getragen.

Es stellt sich nun die Frage, welche Leute haben sich wohl an der Existenz dieser Tafel gestört gefühlt, um den kriminellen Akt der widerrechtlichen Entfernung zu begehen? Die Antwort ergibt sich von selbst. Empörend ist für mich jedoch die Tatsache, dass die Bruchsaler Öffentlichkeit von diesem Geschehen fast keine Notiz nahm. Ein Stadtrat, von Beruf leitender Kripobeamter, meinte zu mir, ich solle mich an das Stadtbauamt wenden. Andere angesprochene Mitbürger erklärten mir, nur die Hauseigentümer hätten ein Recht auf Schadenersatz oder könnten einen Strafantrag wegen Sachbeschädigung stellen. Von der Stadtverwaltung oder von den Parteien erfolgte keine Reaktion.

So stand ich praktisch mit meinem Anliegen allein da. Überlebende Bruchsaler Juden gibt es nicht mehr. Sie können ihre Stimme nicht vernehmen lassen. Dabei war ich selbst mit dem Leiden dieser armen ausgestoßenen Menschen aufs engste verbunden gewesen, so dass ich von meinen Erinnerungen bis heute nicht loskomme. Unsere Hausnachbarn an der Ecke Kübelmarkt/Seilersbahn waren die Angehörigen der Familie Rosenberg. In ihrer Wohnung traf ich vielmals meinen zwei Jahre älteren Spielkameraden Leo. Es muss wohl im Jahre 1939 gewesen sein, da waren wir beide im leeren Ladengeschäft und hielten uns hier auf. Die Jalousien der Schaufenster waren heruntergelassen. Auf einmal warfen HJ- Burschen laufend große Pflastersteine gegen die geschlossenen Fenster. Mich ergriff jetzt auch eine physische Angst, weil ich das Eindringen dieser Rowdys befürchtete. In meiner Angst sagte ich mir, wie sollte ich begreiflich machen können, dass ich kein Jude war. Kein Erwachsener kam allerdings, um diesem bösen Treiben ein Ende zu machen.

Im Frühjahr 1939 sah ich vor dem Anwesen der Rosenbergs einen gro0en Überseekoffer stehen. Die Eltern erklärten mir, dass ihr ältester Sohn Josef nach Amerika auswandern würde. Ich beneidete ihn dafür, denn Amerika war auch uns Kindern das gelobte Land der Abenteuer und der großen Freiheit. (Dabei handelte es sich um die englische Aktion „Rettet die Kinder“).

Die Familie Rosenberg war mir sehr zugetan, und ich erhielt manche Mahlzeit dort. Befremdend für mich war nur, dass Leo nachmittags mit dem Zug zur „Judenschule“ nach Karlsruhe fahren musste.

In jener Zeit war ich im kath. Kindergarten in der Stadtgrabenstraße angemeldet. Mutter Rosenberg ermunterte ihren Sohn Leo, mich zu begleiten. Die Nonnen nahmen ohne weiteres auch den kleinen Juden auf. Aus irgendeinem Grunde hatte ich keine Lust mehr auf einen weiteren Besuch im Kindergarten, und ich blieb weg. Leo solidarisierte sich mit mir. Seine Mutter war darüber traurig.

Auf dem Wochenmarkt durften die Bruchsaler Juden nicht einkaufen. Also übernahm meine Mutter bereitwillig diese Aufgabe. Ihr Pech war nun allerdings, dass sie mit einer Nachbarin wegen deren ungebührlichem Lebenswandel einen privaten Streit hatte. Aus Rache machte diese Frau eine Anzeige bei der Gestapo. Meine Mutter wurde prompt wegen des Kaufes eines Suppenhuhnes für die Familie Rosenberg verhaftet. Sie verbrachte zur Abschreckung eine Nacht im Gefängnis.

Man spürte in der ganzen Stadt, dass die Lage für die jüdischen Mitbürger immer bedrohlicher wurde. In der Kaiserstraße sahen wir auf dem Gehweg die Glasscherben der Schaufenster von Woolworth und Kaufhaus Knopf etc. Die große Synagoge, ein beeindruckendes Bauwerk, war im November 1939 angezündet worden. Keine Sirene heulte, und keine Feuerwehr erschien Ebenso erfolgte kein warnendes Glockengeläut der Bruchsaler Kirchen. Ich konnte auch keinen Geistlichen beider Konfessionen unter den vielen SA- Männern und sonstigen Uniformträgern erkennen. Der riesige Brandherd war schon ein beachtliches und makabres Schauspiel und ein Grund für eine Aufregung in der ganzen Stadt. Wieso konnte so etwas überhaupt geschehen? Es musste doch eine Ursache haben. Niemand gab eine Erklärung.

Ich stand mit meinen Eltern in der Friedrichstraße und war deshalb von dem Brand so beeindruckt, weil ich mich oftmals im Innenraum der Synagoge aufgehalten hatte. Da mein Vater ein armer Hilfsarbeiter war, hatte meine polnische Mutter Putzstellen bei Bruchsaler Judenfamilien angenommen gehabt, übrigens, ohne dass dies von den Nazis bemerkt oder beanstandet worden war. So war sie, obwohl sie gläubige Katholikin war, einfach eine Putzfrau im Gottesraum der Juden. Ich erinnere mich noch genau an die Weinreben, die vor dem Eingang an der Hauswand hochwuchsen. Ich nahm manche Thora in die Hand und schaute auf die für mich unverständlichen Hieroglyphen. Meine Mutter erklärte mir, dass es sich hier um die Texte des Alten Testamentes handeln würde. Mir blieb aber unklar, wieso es beim gleichen Glauben der Christen an das Alte Testament zu einem Zerwürfnis mit den jüdischen Mitbürgern kommen konnte.

Als die Stunde der Austreibung der jüdischen Mitbürger sich anbahnte, bestand die Familie Kaufmann in der Schillerstraße nachdrücklich darauf, dass meine widerstrebende Mutter als Entlohnung für die Putzarbeiten ihren Gasherd übernehmen sollte. Wir konnten aus nächster Nähe im Gasthaus „Zum Löwen“ beobachten, wie dort das Mobiliar und die Wäsche aus den jüdischen Haushalten versteigert wurde. Viele Bruchsaler schämten sich deswegen nicht am Raub der Opfer.

Übrigens wurden über 300 Immobilien in der Stadt arisiert oder anders gesagt: aus jüdischem Eigentum wurde christlicher Besitz.

Auch die Familie Rosenberg ahnte das kommende Unheil voraus. Unauslöschlich steht heute noch vor meinen Augen das Geschehen im Innenhof, der die beiden Häuser verband, wo wir wohnten.

Die Oma Rosenberg schaute aus dem Fenster heraus und bot mir den Kinderschreibtisch ihres Enkels Leo mit den Worten an: „Diesen kannst Du haben, wir brauchen ihn nicht mehr. Wir kommen jetzt alle fort. Wir müssen dafür sterben, dass wir Christus ans Kreuz geschlagen haben!“

Meine Mutter widersprach energisch diesen prophetischen Worten der alten Frau. Gleichzeitig verbot sie mir die Annahme des großzügigen Geschenkes. Die Oma Rosenberg hatte das Schreibtischchen an einen Strick angebunden und wollte es aus dem ersten Stock herunterlassen. Da meine Mutter die Annahme verweigerte, hob ich die Hand hoch. Weil aber der Strick zu kurz war, verstauchte ich mir den Daumen bei der Entgegennahme.

Die Voraussage der alten Dame traf tatsächlich ein. Sie starb auf dem Transport nach Gurs. Wo Mutter Rosenberg verblieben war, blieb ungeklärt. Leo und sein Vater, der im übrigen Soldat im 1. Weltkrieg gewesen war, kamen ins Lager nach Gurs. Da es unter der dortigen Bevölkerung im Gegensatz zu Deutschland mitfühlende Menschen gab, gelang Vater und Sohn die Flucht. Leo lebt heute noch in London.

Zu den weiteren traurigen Erlebnissen der Nazizeit war für mich das Schicksal der Familie des Markus Kirnus in Untergrombach Er war ein ukrainischer Jude, der nach dem 1. Weltkrieg als Synagogendiener in diese kleine Gemeinde gekommen war. Er war mit einer „Christin“ aus Oberöwisheim verheiratet. Sie hatten drei Kinder. Da mein Vater aus Gochsheim stammend mit der Ehefrau bekannt war, besuchten wir die Familie in Untergrombach. oftmals an Sonntagen. Das bedeutete für mich, jeweils einen langweiligen Fußmarsch hin und zurück zu machen. Traurig machten mich dann, wenn der alte Mann in dem nasalen Laut der Ostjuden die Leidensgeschichte seiner Familie erzählte. Sein Sohn, der ein guter Sportler gewesen war, kam wegen einer an sich harmlosen Krankheit ins Krankenhaus Bruchsal. Er verstarb dort unter ungeklärten Umständen, wobei sein Sarg nicht mehr geöffnet werden durfte.

1944 war dann das Ende der bis dahin geltenden privilegierten Ehe (Heirat mit einem christlichen Partner) gekommen. Markus Kirnus wurde nach Theresienstadt ins KZ deportiert. Dank des schnellen Vormarsches der Roten Armee konnte Markus Kirnus zurückkehren.

Die Entfernung des Schildes kann mir jedenfalls die Erinnerung an die jüdischen Opfer nicht rauben. Die Frage ist nur, wie bleibt die weitere Reaktion der Bruchsaler?


Ich hatte jedenfalls die Ahnung gehabt, dass der Schild nicht auf dauer bleiben würde.

Artikel von Der GURS- Schild Bruchsal

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