Ein Bruchsaler musste die Hölle der KZ Dachau und Flossenbürg erdulden

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Ein Bruchsaler musste die Hölle der KZ Dachau und Flossenbürg erdulden

Zehn Kinder hatte der Bruchsaler Schlossermeister Eugen Habermann. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich seine Werkstatt beim heutigen „Gasthaus zum Engel“, wo eine Mühle stand, die durch einen Brand vernichtet wurde. Dann zog er um die Jahrhundertwende in die damalige Rheinstraße 75 und baute für seine große Familie ein stattliches Wohnhaus mit Nebengebäude, um dort eine florierende Schlosserei einzurichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand hier die Notkirche St. Josef nach der Zerstörung der Stadtkirche für zehn Jahre ein Unterkommen.
 Aus zwei Ehen konnte der erfolgreiche und angesehene Handwerker  eine ansehnliche Kinderschar großziehen, was während den Entbehrungen in den Jahren des ersten Weltkrieges keine leichte Angelegenheit war. Der älteste Sohn,  Gustav, wurde 1903 geboren . Dieser besuchte die Bruchsaler Höhere Handelsschule. Daneben waren noch zwei weitere Brüder Eugen und Fritz.

 Niemand in der großen Familie ahnte, was für ein tragisches Verhängnis im Leben  des Erstgeborenen eintreten sollte, als es diesen der Liebe wegen in den Schwarzwald in das beschauliche Haslach zog. Dort hatte Gustav seine Frau fürs Leben  gefunden. Obwohl er katholisch getauft war und sie der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte, begannen sie einen gemeinsamen harmonischen Lebensweg. Zwei Kinder wurden geboren, Eugen und Lore.

Das Jahr 1933 veränderte wie für viele andere Menschen in Deutschland ebenfalls das Leben der jungen Familie schlagartig. Das verbrecherische NS- Regime errichtete mit brutaler Gewalt die Macht im Staate und in der Gesellschaft.  Die an sich kleine religiöse Gemeinschaft der  Zeugen Jehovas gehörte zu den wenigen Widerstandsgruppen , welche von vornherein und mit großer Tapferkeit den Nazis entgegentraten. Ein „Konkordat“ mit den braunen Verbrechern kam auf keinen Fall in Frage. So verteilte Ehefrau Mathilde mit staunenswertem Heldenmut Exemplare des  bekannten „Wachturms“, worin dem Naziregime eine klare und entschiedene Kampfansage erteilt wurde. Die Reaktion war hart und brutal: Die  brave und harmlose Hausfrau Mathilde kam ohne Rücksicht auf ihre kleinen Kinder sofort wie viele ihrer Glaubensgenossen  in ein KZ.
Da sie herzleidend war, wäre ein Aufenthalt auf Dauer in einem solchen Leidenslager tödlich gewesen. Um aus dieser Hölle wieder herauszukommen, bot sich eine Möglichkeit: Der Ehemann  sollte  im Austausch für seine kranke Ehefrau den Weg in das Inferno, wie es das KZ Dachau darstellte, antreten.

Im Originaleintrag der Lagerkartei, welcher heute noch vorliegt, wurde bürokratisch festgehalten: „Habermann, Gustav Josef Xaver, 19.8.03 Bruchsal, Haslach i. Kinzigtal, Mühlenbacherstr.  Häftlingsnr. 2827, Zug. 21.8.37, Schutzhaft. Bibelforscher, überstellt ins KZ Flossenbürg, zurück nach Dachau 2.3.40, entl. 7.7.41“

Aber was für ein unvorstellbarer Leidensweg lag hinter diesen Zahlenangaben? Die Häftlinge wurden gezwungen, die gestreifte Kleidung, welche aus einer Hose und einer Jacke bestand, zu tragen. Die Schuhe waren aus Holzpantinen, welche ein klapperndes Geräusch beim Laufen bewirkten. Das Essen bestand  meistens aus einer Wassersuppe mit etwas Kartoffeln,  natürlich ohne Fleisch. Schläge, Auspeitschungen  und Schikanen waren an der Tagesordnung. Stundenlange Appelle auch im Regen oder in der Kälte, brutale und sinnlose Arbeitsanforderungen gehörten zum Alltag. Das Zusammenpferchen der vielen Häftlinge in Baracken mit entsprechenden unhygienischen Einrichtungen sollten sie nicht nur ihrer physischen Existenz sondern auch noch der individuellen Menschenwürde berauben. Die Menschen magerten bis aufs Skelett ab. Die KZ- Ärzte konnten ungehindert Menschenversuche in jeder Hinsicht durchführen. Welchen unglaublichen Heroismus die „Bibelforscher“, wie sie geringschätzig genannt wurden, zeigten, konnten die KZ- Schergen zu ihrem großen Erstaunen erleben. Als bei Beginn des Krieges die Häftlinge einmal antreten mussten und aufgefordert wurden, um sich für den Dienst in der Wehrmacht zu melden, weigerten sie sich geschlossen. Daraufhin wurde  jeder Zehnte aus der Reihe aufgerufen, nach vorne zu kommen. Diese wurden sofort erschossen. Trotzdem blieben die anderen  standhaft bei ihrem Nein. Vor diesem Todesmut staunten sogar die  abgebrühten SS-  Leute und unterließen fortan eine solche Aufforderung. Der Kommandant des KZ Dachau, SS- Gruppenführer Theodor Eicke,  hatte für das Lagerpersonal den  Lehrsatz geprägt: „Ein KZler ist kein Mensch, sondern ein Staatsfeind. Er hat also kein Anrecht, als Mensch behandelt zu werden“.

Wie der Hunger die Häftlinge quälte, schilderte Gustav Habermann später an einem Beispiel. Zu einem Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers in einen Wald geführt, lief ihnen eine Katze über den Weg.  Sie fingen das Tier ein, töteten es, zogen ihm das Fell ab und aßen mit Heißhunger das rohe Fleisch. Aber der Zusammenhalt und die Kameradschaft unter den Häftlingen war sehr groß und einmalig. Das ermöglichte das Überleben für manch einen von ihnen. Gustav Habermann
denkt hier noch  besonders an seinen Leidenskameraden Dr. Kurt Schumacher (den späteren SPD- Gründer) und  an viele andere mehr.
Obwohl die SS- Bewacher in dem ländlichen Dachau meistens aus katholischen Familien entstammten und fast alle eine mehr oder weniger christliche Erziehung genossen hatten, verfielen sie auf immer ausgefallenere Ideen, um die geschundenen Gefangenen noch weiter zu quälen. So mussten ältere Angehörige der Zeugen Jehovas in der Herbstzeit auf die im Lagerbereich befindlichen Pappelbäume ohne Mithilfe einer Leiter klettern, um die Bäume zu entlauben. Zu diesem Zweck hatten die Häftlinge um ihren Körper einen langen Sack umgebunden, in welchen sie die gepflückten Blätter einsammelten. Bei dieser unglaublich mühseligen und langwierigen Arbeit
geschah es oftmals, dass der Kletterer den Halt verlor und sich zu Tode stürzte, was im Grunde das Ziel der Peiniger gewesen war.

Laut der vorliegenden Transportliste ist Gustav Habermann am 27.9.39  in das KZ Flossenbürg überstellt worden und kam anschließend am 2.3.40 wieder nach Dachau zurück. 1939 waren die meisten Häftlinge in andere Konzentrationslager verlegt worden, da zu dieser Zeit im Lager Dachau die Ausbildung der SS- Totenkopfverbände stattfand.
In vier Jahren der erlebten Hölle war der Bruchsaler gezwungen, vieles mit anzusehen: Menschenversuche der  KZ- Ärzte, die widerrechtliche Erschießung zahlreicher Kriegsgefangener. Allein 5000  polnische Priester wurden hier ermordet. Aus ganz Europa trafen Transporte ein. Menschen unterschiedlicher Bildungsgrade und Alters wurden in den Baracken im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht zusammengepfercht.
 Was für einen infernalischen Hass mussten die Träger des NS- Regimes in sich gehabt haben, um diese Torturen zu praktizieren? Der verrückte Adolf Hitler befahl, und seine Anhänger gehorchten mit Begeisterung! Ohne diese völlige und freiwillige Hingabe  des deutschen Volkes an den geliebten Führer  wäre die Eroberung und Versklavung von fast ganz Europa gar nicht möglich gewesen. Man denke nur an die Rüstungsanstrengungen der Industrie und der Arbeiterschaft. Die Bombenangriffe der Alliierten ließen das Land der Massenmörder ungerührt.

Wie sah aber das Leben der in Haslach lebenden Angehörigen aus? Ehefrau Mathilde musste nun, völlig allein auf sich gestellt, ohne geregeltes Arbeitseinkommen für sich und ihre beiden Kinder sorgen. Sie zog Kleinvieh auf, hielt Hühner. Sie verkaufte im Wald gesammelte Früchte in der Nachbarschaft. Etwas Hilfe erhielt sie von den Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft. Aber diese standen selbst  unter laufender Beobachtung durch die Gestapo. Die Kinder des verfemten „Staatsfeindes“ sollten an sich in ein staatliches Heim kommen. Doch man sah zunächst davon ab. Die Lehrer waren angehalten  laufend über das Verhalten und die schulischen Leistungen an die Gestapo zu berichten. Diese Pädagogen zeigten jedoch viel Verständnis und berichteten nur Gutes über ihre Schüler an das örtliche Bürgermeisteramt. Einmal im Jahr waren die beiden Kinder gezwungen,  sich beim Bürgermeister persönlich zu melden, denn auch diese hilflose Kleinfamilie war für das NS- Regime weiterhin ein staatsfeindliches Element.

Groß und unaussprechlich war daher die Freude in der leidgeprüften Familie, als im Juli 1941 die unerwartete Entlassung und Heimkehr des Vaters Gustav Habermann wie ein Wunder geschah. Mühsam mit zwei Krücken gehend,  kam der total abgemagerte KZ- Häftling nach Haslach zurück. Der 1,70 m große Mann wog weniger als 50 Kilo.
 Der SS-Arzt hatte die Entlassung nur deshalb angeordnet, weil er der Ansicht gewesen war, dass der Häftling  kaum noch eine Lebenserwartung von höchstens vier Wochen hatte und bereits eine Leiche auf Abruf war. Die Lagerverwaltung des KZ Dachau wollte sich wohl  die Arbeit mit der Einäscherung und Ausstellung eines gefälschten Totenscheines  ersparen.

Die Liebe zu seiner Frau hat aus Gustav Habermann, einem einfachen Bürger aus Bruchsal, einen wahren Helden gemacht. Ohne seinen Opfergang wäre die herzkranke Ehefrau und Mutter gleich gestorben, denn diese Torturen im Lager hätte sie nie bestehen können.

Uns Heutigen bleibt jedoch die unausweichliche Frage, was hat wohl die Familie Ratzinger über die Zustände im KZ Dachau gedacht, denn die räumliche Entfernung war gar nicht groß?  Der spätere Papst Benedikt XVI.  verspürte jedenfalls keine Ambitionen, den Märtyrertod zu sterben oder sich mit den Leiden  der vielen gequälten und gemarterten Opfer in dem nahen KZ Dachau zu solidarisieren. Der Kreuzestod des Juden Jesus Christus war anscheinend nur eine Fiktion all der vielen Christen, welche in der Umgebung des KZ Dachau oder in der Nähe der Tausenden von anderen Leidenslagern lebten und trotzdem ihrem normalen Leben nachgingen und ihre privaten Festlichkeiten feierten. Eine ähnliche Frage muss man an die Einwohner vom nahegelegenen München, der „Weltstadt mit Herz“, stellen. Während des ganzen Krieges waren die Kirchen an den Sonntagen gut besucht, und öffentliche Prozessionen fanden sogar in den Straßen von Dachau und München statt wie auch in ganz Deutschland.

© Dr. Edmund Geckler

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